
APRIL 1919
Das Folgende sind einige Einzelheiten um Mr. MacGregor
Mathers die letzte Ehre zu erweisen. Geschrieben ist es von jemandem
er ihn während eines Abschnitts seines Lebens kennen durfte.
Der
Tod von Samuel Liddell MacGregor Mathers, welcher in Paris, gegen
Ende des letzten Novembers eintrat, ruft einige alte Erinnerungen
wach, die ich, da sie sonst kaum niedergeschrieben werden, hier
für den geneigten okkulten Leser in grober Form zusammenfasse.
Sie sind notwendigerweise zu beiden Seiten hin persönlicher
Natur. Es war in oder um das Jahr 1883, als ich - ein junger Mann,
der das British Museum unsicher machte und viele Pfade der Forschung
untersuchte - immer wieder der schlanken Gestalt eines Mitsuchenden
gewahr wurde, der den Lesesaal aufsuchte und sich auf einer ähnlichen
Mission befand.
Er befand sich, so muss ich sagen, in sehr eingeschränkten
Verhältnissen und war dennoch ein wesentlich gläubiger
Besucher als ich es noch heute bin. Man konnte ihn dort von früh
morgens bis spät abends antreffen. Der Lesesaal Schluss damals
um 19.00 oder 20.00 Uhr, je nach Jahreszeit, und man konnte ihn
dann mit einem Mammutstapel von Büchern zur Ausleihe gehen
sehen. Ich fand heraus, dass es, wie meine eigenen, okkulte Bücher
waren, die ich jedoch versuchte in dem Bezug auf die heutigen
Entwicklungen zu halten. Ich muss gestehen, dass mich die Neugier
packte herauszufinden, wer dieser seltsame Mann, mit seinen fischähnlichen
Augen, war, und mehr noch was er genau tat. Ein anderes, ebenso
melancholisches Individuum dieses Heiligtums machte uns dann bekannt
und es stellte sich heraus, dass es sich bei dem Mann um S.L.
Mathers, das Präfix MacGregor hatte er noch nicht angenommen,
handelte. Wir müssen uns in einem der Korridore über
okkulte Bücher und Themen unterhalten haben, denn auf einmal
sagte er mit leiser Stimme: "Ich bin ein Rosenkreuzer und
Freimaurer und kann daher über einige Dinge sprechen, aber
über andere kann ich das nicht." Ich war jünger
als er und ein Anfänger auf dem Gebiet des Okkultismus, doch
ich erinnere mich über zwei Dinge amüsiert gewesen zu
sein: erstens, weil keinerlei Information ersucht hatte und zweitens
weil ich, obwohl ich nur wenig über das Rosenkreuz und seine
Brüder wusste, sicher war, dass echte Mitgliedschaft nicht
so schnell als Faktum in Erscheinung treten würde. Jedenfalls
kamen wir uns ein wenig näher und je mehr ich von ihm wusste,
desto exzentrischer schien er mir. Ich erinnere mich, ihn mit
einer Kombination aus Don Quixote und Hudibras, mit einer ganz
eigenen Eitelkeit verglichen zu haben.
Er erzählte mir von seinen plötzlichen Inspirationen,
von denen eine war, dass er die Absicht hatte, den französischen
Zouaves in Afrika beizutreten, um möglicherweise "den
Rest seines Lebens mit Kämpfen und solchen Dingen zu verbringen."
Nun, die Monate vergingen und er war immer noch ein frequentierender
Besucher des Lesesaals. Ich traf ihn einst als er eine purpurne
Krawatte trug, auf die er mich stolz aufmerksam machte und mir
erklärte, dass sie seine kämpferischen Instinkte symbolisiere,
welchen er auf keine andere Art Rechnung tragen konnte. Wir begegneten
uns einmal, als er, beladen mit Büchern, mir sagte: "Ich
habe mich mit Hieroglyphen bekleidet, wie mit Kleidern.",
worauf ich annahm er wäre der Ägyptologie sehr angetan.
Er hatte die natürliche Eigenschaft einem, mit seiner mystischen
Sprache zu verstehen zu geben, er habe in jedem Thema, dass er
beliebe aufzugreifen ein profundes Wissen, welches den Anfänger
weit brachte.
Unsere Wege kreuzten sich auch bei einigen unformalen okkulten
Treffen - Treffen von Leuten des gleichen "Interesses"
und meist sich zugetanen Menschen. Jemand traf ihn einmal in Miss
Bergsons Gesellschaft und es wurde so verstanden, dass sie beschlossen
hatten zu heiraten. Er arbeitete mit der Kabbalah in Jahre 1885
und übersetzte einige Bücher des Zohar aus der lateinischen
Version Knorr von Rosenroths. Sie wurden unter dem Titel The Kabbalah
Unveiled veröffentlicht und seine Einführung bezeugte
ein tiefes Verständnis der unbekannten Zweige der Kabbalah
wie Gematria und Notarikon, doch seine Übersetzungen aus
dem Lateinischen wurden in einigen Fällen und in ungehöriger
Weise von einem Autor in der Zeitung Der Theosoph kritisiert.
Ich glaube seine Antwort war, dass er gerade in diesen Teilen
den lateinischen mit dem chaldäischen Originaltext verglichen
habe. Doch seine Fachkenntnis kann in dem Falle beurteilt werden,
wo er Isaac de Loria's Abhandlung De Revolutionibus Animarum als
Teil des Zohars erkannte. Es wurde mindestens dreihundert Jahre
später geschrieben als der Zohar, selbst wenn wir die Datierung
der extremsten Historikern berücksichtigen.
Ein wenig früher als seine Übersetzungsarbeit war und
blieb Mathers in einer gewissen rosenkreuzerischen Vereinigung
tätig, welche später etwas zu bekannt wurde unter dem
Namen des Esoteric Order of the G.D. Er wurde, lange nachdem er
das Oberhaupt des Rosenkreuzerordens wurde in einen Gerichtsfall
verwickelt, doch wurde er 1901 von jener hermetischen Gesellschaft
mit grosser Mehrheit abgewählt.
Doch zurück zu der früheren Zeit, einer Zeit, als Mather
Miss Bergson heiratete, welche ihn überlebt hat und die Schwester
von Henri Bergson, dem heute weltberühmten französichen
Philosophen ist. Wenig Später wurde Mathers Kurator des Horniman
Museums, doch kam dieses Arrangement nach weniger als zwei Jahren
zu einem Ende. Kurze Zeit später emigrierten Mathers und
seine Frau Moïna nach Paris, wo sie für die meiste Zeit
lebten. Bald nahm er den Titel Comte de Glenstrae an und bestätigte
dadurch, dass er als Nachfahre von König James II akzeptiert
worden war. In der Arsenal Bibliothek fand er das französische
Manuskript eines magischen Rituals von Abramelin dem Magier, welches
vorgab hebräischen Ursprungs zu sein, diesem aber auf jeder
Seite widersprach. Mathers jedoch, der einen sehr unkritischen
Verstand hatte, akzeptierte ihn. Er übersetzte ins Englische
und veröffentlichte es in zusammengefasster Form. Zusätzlich
übersetzte er den Schlüssel Salomonis, von dem er das
Original im British Museum fand und schrieb ein kleines Büchlein
über das Tarot.
Als er nach Paris übersiedelte, kam mein Verhältnis
mit ihm zu einem Beinahe-Ende, doch waren der Geschichten über
ihn viel und seltsame. Er etablierte einen Zweig der okkulten
Gesellschaft, die ich erwähnte und viele okkulte Berühmtheiten
kamen und gingen. Er war ein überzeugter Vertreter der Wiederbesteigung
des englischen Throns durch die Stuarts und Gerüchte brachten
ihn mit Verbindung mit den Türken-Verschwörungen - Verschwörung
um der Verschwörung willen, wie W.B. Yeats einmal über
ihn sagte.
Ich glaube er durchlebte schlimme Zeiten, armer Kerl, und versuchte
sein Glück auf verschiedenen Wegen. Er hatte einen Tempel
der Isis auf der französischen Weltausstellung und ich habe
auch von Wahrsagesitzungen mit Tarotkarten in Dieppe gehört
- wozu ich hoffe, dass er nicht erniedrigt wurde. Er hatte jedoch
unglücklicherweise keinerlei Ambitionen eine gewisse Kompetenz
auf den Pfaden des normalen Lebens zu entwickeln.
Neben vielen Schwächen, die er hatte, besaß er auch
Stärken, darunter einen gewissen Ernst in seinem Okkultismus
und einen beträchtlichen Fundus an unverdautem Gelerntem.