Heutzutage wird unsere Gesellschaft gemeinhin als die "westlich
zivilisierte" Welt bezeichnet. Wir Menschen, die wir in ihr
leben, nennen die Zeit, in der wir existieren normalerweise die
Moderne, oder auch die Postmoderne. Es ist uns auch bewusst dass
unsere Zivilisation ihre Ursprünge in den antiken Kulturen
Ägyptens, Mesopotamiens, Griechenlands und Roms hat. Wenn
wir aber Sie aber fragen würden, wo unsere mystischen Wurzeln
liegen und wie deren Erbe heute aussieht, so würden manche
von Ihnen sagen, dass dies die alten Kelten oder die Germanen
sind. Einige würden vielleicht sogar die okkulten Lehren
der Gnosis [1] nennen. Lange hat man sich
gefragt, warum genau diese kulturellen Ströme unsere mystische,
esoterische Vergangenheit darstellen sollen?
Ein Phänomen, dass die heutige Zeit der Globalisierung
mit sich gebracht hat ist, dass viele, wenn nicht die meisten
Menschen, die sich vom Leben mehr versprechen als die konventionellen,
exoterischen Religionen und die Wissenschaft zu bieten haben,
sich mit den Traditionen des Fernen Ostens, des Buddhismus und
des Hinduismus befassen. Es fragt sich also, warum die westlichen
esoterischen Systeme nur bedingt und von wenigen betrieben werden?
Stellt man diese Frage an den Menschen, die sich mit den östlichen
Traditionen befassen, so ist die Antwort in den meisten Fällen
dass man sich nicht so recht mit dem polytheistischen Gedankengut
der modernen Hexen anfreunden kann oder dass einem der okkulte
Charakter der Systeme der Gnosis und der Hermetik [2]
abschrecken. Die Westliche Mysterientradition [3]
wird also normalerweise mit modernem Hexentum und schwarzer Magie
gleichgesetzt. Dies führt uns zu der Feststellung, dass die
allgemeine Definition von Okkultismus sehr negativ aufgefasst
wird, wohingegen der Begriff Esoterik dieses Bild nicht
hat. Wir wollen hier klar feststellen, dass beide Worte, das erstere
lateinisch, das letztere griechisch, absolut die selbe Bedeutung
haben, nämlich das Verborgene.
Verborgen kann auch anders ausgedrückt werden, nämlich
mit dem Wort hermetisch. Somit stellt sich nun die Frage,
was die esoterische Tradition des Abendlandes, die in diesem Schreiben
als die Westliche Mysterientradition (abgekürzt: WMT) bezeichnet
wird, eigentlich ist?
Wie eingangs bereits erwähnt, hat unsere Gesellschaft ihre
Wurzeln in den Kulturen der Antike, der Zeit zwischen 5000 v.
Chr. und 500 bzw. 1000 n. Chr. Aus diesen Kulturen und dieser
Zeit ist uns aber auch ein wahrer Schatz von esoterischem Wissen
bekannt, welches durch die modernen Medien gebranntmarkt oder
ins Lächerliche gezogen ist. Was die Damen und Herren der
Universitäten und Medien scheinbar gerne vergessen ist, dass
ohne die hermetischen Wissenschaften, so lautet der Fachbegriff,
es heute keine Medizin, keine Chemie, keine Physik, keine Astronomie
etc. gäbe. Die Tatsache, dass die Wissenschaften von heute
diese Prinzipien säkularisiert, also verweltlicht haben,
bedeutet noch lange nicht, dass die im Kern magisch-esoterische
Tradition nicht als solche weitergelebt hat und manchmal mehr,
manchmal weniger versteckt, ihre Riten und Initiationen immer
noch praktiziert werden. Eines jedoch haben die esoterischen Wissenschaften
mit den weltlichen gemein, sie können korrumpiert und missbraucht
werden. Das beste Mittel um eine Gemeinschaft, die sich westlich
mystisch oder auch hermetisch nennt, zu prüfen
ist, festzustellen ob sie anderen ähnlichen Gesellschaften
gegenüber Tolerant ist und den freien Willen des Einzelnen
respektiert.
Doch nun zum eigentlich Interessanten, wie definiert sich die
westliche Mysterientradition? Hier eine etwas längere Beschreibung:
Diese Tradition wird westlich genannt, weil ihre Wurzeln
in den Lehren der westlichen Kulturen zu finden sind. Es sind
diese die ägyptischen, die jüdisch-christlichen, die
griechisch-römischen, die chaldäischen, die arabischen,
die keltischen und vielen anderen Kulturen der Antike.
Wir nennen es eine Mysterientradition, weil es sich bei
diesen Lehren um Dinge handelt, die nicht mit der Vernunft oder
dem Verstand allein erklärt werden können. Hinzu kommt
noch, dass das Wort "Mysterium" vom griechischen Wort
"Mythos" hergeleitet werden kann, welches wiederum
der Titel war, der dem Kandidaten in den Riten der Mysterien
von Eleusis verliehen worden war.
Wir nennen diese Lehren eine Tradition, weil sie durch
die Geschichte der Menschheit hindurch vom Lehrer an den Schüler,
vom Meister zum Novizen, von Mund zu Ohr weitergereicht wurde.
Sie sehen also, dass auch unsere esoterischen Wurzeln in den
antiken Kulturen rund ums Mittelmeer zu finden sind. Und ebenfalls
ist aus der obigen Definition eine ersichtlich, dass wer sich
ernsthaft mit der WMT befassen will und dies mehr als nur auf
intellektueller Ebene, wird mit einer Vielzahl von Themen konfrontiert
werden, die auf den Ersten Blick nicht zusammengehören. In
den letzten Jahrhunderten sind viele Schriftstücke aus dem
Bereich der WMT erschienen, die sich mit dem Mysterium einer Symbolsprache
umgeben, die nicht leicht zu verstehen ist. Der Überbegriff
dieser Arbeiten ist, wie bereits erwähnt, Hermetik
und wird allgemein mit der Alchimie gleichgesetzt. Der Begriff
Alchimie jedoch weckt in den Menschen allgemein die Vorstellung
von Leuten, die den im heutigen Wissenschaftsverständnis
unsinnigen Versuch unternehmen, aus Blei oder anderen unedlem
Substanzen, Gold zu machen. Lesen wir in solchen alten Texten,
so finden wir immer wieder, dass die Autoren, selbst Alchimisten,
von ihrem Gold, und ihrem Blei, etc. sprechen. Diese
Formulierung zeigt uns, dass das Gold und andere Substanzen, der
Alchimisten, nicht mit dem allgemeinen Verständnis
davon übereinstimmt. Dies haben bereits viele erkannt und
habe dann den Begriff der inneren Alchimie erfunden. Es
soll hiermit gesagt werden, dass es diese Unterteilung nicht gibt.
Alchimie hat immer von der Transformation des Menschen in einen
höheren Zustand gesprochen und dies lediglich in einer Symbolsprache
verhüllt. Hiermit sind wir bereits beim Grundthema der WMT
angekommen, der Verwandlung des Menschen. In diesem Sinne unterscheidet
sie sich in keiner Weise von den östlichen Traditionen. Der
Hauptunterschied liegt im Weg, nicht im Ziel. Der Pfad, wie er
auch genannt wird, ist schmal und gerade und erfordert viel Ausdauer
und Disziplin, sein Vorteil ist jedoch, dass er, wie der Name
WMT (Westliche Mysterientradition) bereits sagt, auf des Leben
in unserer westlichen Gesellschaft ausgerichtet ist. Während
viele der New Age Lehren, aber auch die original fernöstlichen
Weisheitsschulen einen Pfad beschreiben, der zwischen den Polaritäten
es Lebens hindurchführt und so zum Ziel der Erleuchtung führt,
besagt die hermetische Lehre, dass die Gegensätze im Leben
für einen westlichen Menschen nicht abgelehnt, sondern vereint
und miteinander versöhnt werden sollen, um so ein erfülltes
Dasein in der Welt zu führen.
Hiermit ist bereits eines klar, die WMT bietet kein Tor zur
Weltflucht. Sie ist darauf ausgerichtet, dass der Schüler,
der ihre Lehren ver- und befolgt, mit beiden Füssen fest
auf der Erde steht, sein Kopf jedoch reicht bis in den Himmel,
zu den Unsterblichen. Um näher auf den Pfad der Hermetiker,
bzw. der WMT einzugehen und zu verdeutlichen, was wahre Alchimie
bedeutet, muss man sich bewusst sein, dass Alchimie, ebenso wie
Hermetik oder WMT (diese Begriffe sind letztendlich austauschbar)
ein System darstellt, dass aus den Mysterientraditionen all der
oben genannten Kulturen besteht; d.h. es umfasst neben der Kenntnis
des Pflanzen- und Mineralreiches, die Astrologie, das Tarot, die
Mysterien und Mythen der alten Griechen, wie z.B. jener von Eleusis,
des Dionysos, der Kabiren etc. oder auch die Lehren der chaldäischen
Orakel, wie sie im Neuplatonismus auftauchen und auch, oder vor
allem jene der mystischen bzw. hermetischen Kabbala, jener christlich-jüdischen
Geheimlehre, die all die oben genannten Ströme vereint und
bündelt. Das System der Kabbala ist ganz auf die Glyphe und
Symbolik des Baumes des Lebens ausgerichtet, in welchem alle Philosophie
und alles denken seinen Platz hat.
Über die Kabbala sind bereits eine Vielzahl von Bücher
veröffentlicht worden, unter anderem die Mystische Kabbala
von Dion Fortune. Ein Hauptproblem der gesamten Literatur zu diesem
Thema, wie auch zu den anderen Themen der WMT, ist, dass aus diesen
Büchern nur bedingt zu entnehmen ist, wie man diese
Schule oder Lehre denn nun anwenden kann. In den wenigen Fällen,
wo dies getan wird, wird der Schüler dann ohne Lehrer gelassen,
der einem dann bei seiner individuellen Erfahrung auf dem Pfad
zur Seite steht.
Wir müssen uns bewusst sein, dass erst seit etwa 60 Jahren
die Menschen die Möglichkeit haben solche Texte einfach in
einer Buchhandlung zu kaufen und dann daheim zu lesen. Davor war
dieses Wissen allein in den Händen verschiedener Gesellschaften
die es vor den Augen der Laien verborgen hielten. Der Grund dafür
war nicht Eifersucht, oder Elitismus, sondern das heilige Wissen
vor Verweltlichung und Missbrauch zu bewahren, denn der Uneingeweihte
ist nicht bereit die Kräfte und Bewusstseinszustände
zu handhaben, die durch die heilige Magie des Lichtes, oder anders
ausgedrückt, Theurgie [7] feigesetzt
werden können. Ich gebrauche hier absichtlich den Konjunktiv,
denn diese Kräfte, je nach dem wer sie versucht zu erwecken,
können im Leben dieser Person entweder alles durcheinander
bringen oder überhaupt keinerlei Wirkung haben.
Es war also auch ein gewisser Schutz der Uneingeweihten, wenn
diese Bruder- und Schwesternschaften diese Geheimnisse für
sich behielten. Heutzutage wird mit diesen Geheimnissen hausieren
gegangen und manche versuchen, die Prinzipien der Kabbala und
der Hermetik alleine anzuwenden und zu ergründen, ohne dabei
die Führung und Erfahrung eines oder mehrerer Lehrer zur
Seite zu haben. Viele geben nach ein oder zwei Jahren auf und
wenden sich den Lehren des Ostens oder der New Age Bewegung zu.
Ich habe bereits oben angedeutet, dass der Pfad schmal und gerade
ist. Ich muss an dieser Stelle, um ganz offen zu sein, noch hinzufügen,
dass er mitunter auch ganz schön steinig sein kann. Wenigstens
in diesem Punkt geben viele der Bücher, die zum Thema der
WMT geschrieben wurden, ehrliche Auskunft, dass es ungemein viel
Ausdauer und Durchhaltevermögen braucht. Umso mehr ist die
Anwesenheit eines Lehrers, der bereits einige Jahre Erfahrung
hat, wichtig. Ein weiterer Punkt ist hier auch, dass stets nur
ein geringer Teil der Lehren dieser Gemeinschaften schriftlich
niedergelegt wurden und das meiste mündlich überliefert
und weitergegeben wurde. Kabbala (QBL) ist hebräisch und
bedeutet soviel wie von Mund zu Ohr.
Es ist nun auch an der Zeit auf die Frage einzugehen, was eine
Person, oder eine Gruppe qualifiziert, Lehrer zu sein? Zuallererst:
ein wahrer Lehrer bezeichnet sich stets als Schüler, der
lediglich bereits etwas länger dabei ist und bereits etwas
Erfahrung hat. Zweitens: ein Lehrer, der diese Bezeichnung verdient,
gibt zu auch nur ein Mensch zu sein. Und drittens: weist ein Lehrer
seinen Schüler stets darauf hin, dass wahre Erkenntnis aus
dem Innern des Schülers selbst kommt.
Keine Gruppe, die sich als Bruderschaft des Lichts versteht,
hat weltliche Mittel der Legitimation nötig, denn wahrhaftig
ist es die Strömung des Göttlichen, die sich die Gruppe
aussucht und diese zusammenbringt. Die wahre Magie des Lichtes
ist nicht auf Zertifikate und geschriebene Dokumente angewiesen.
Es ist auch diese Strömung, die neue Schüler zu ihr
hinführt. Diese Strömung wird in der WMT der Wahre
Wille oder der Höhere Göttliche Genius [4]
oder aber auch der Göttliche Wille genannt. Denn es
ist dieser Aspekt des Menschen und der Schöpfung, die ewig
eins sind mit dem Göttlichen und den Menschen im Leben die
Möglichkeit geben, sich weiterzuentwickeln und die Fessel
der Sterblichkeit zu sprengen sowie das Rad von Tod und Wiedergeburt,
den Kreislauf des Karma, zu durchbrechen.

[1] Das Wort Gnosis stammt aus dem
Griechischen und bedeutet übersetzt Erkenntnis.
[2] Dieses Wort kommt vom Namen Hermes
Trismegistos was soviel wie der dreifach grosse Hermes
heisst. Dieser mystischen Person wird die Entdeckung der gesamten
Tradition zugeschrieben.
[3] Diese Formulierung soll in diesem Schreiben
als stehender Begriff verwendet werden.
[4] Auch dies ein stehender Begriff.
[5] Ziel dieser Gemeinschaft war es, der
Menschheit die Möglichkeit zu bieten, durch Einweihung in
die Mysterien der heiligen Magie des Lichtes zu einem bewussteren
Leben im Einklang mit sich selbst und der Natur zu führen.